Europa: wohin ?

[Andrei Marga, Die Philosophie der europäischen Einigung, Übersetzung von Kurt Schmidts, Cluj-Napoca, University Press, 2009]

von Ştefan Bolea

Der Professor Andrei Marga in Philosophie der europäischen Einigung vor kurzer Zeit in deutscher Sprache, bietet ein Manifest und auch ein Programm für die im Jahre 1994 gegründete Fakultät für Europäische Studien aus Cluj-Napoca, an. Das Hauptargument des Buches besteht in der Schaffung einer europäischen Denkweise, im Herzen von Ost- europa, das vier Jahrzehnte lang symbolisch und politisch von dem Rest des Kontinentes getrennt wurde. Europäisch denken heißt im wahren Sinne des Wortes, „Förderung des europäischen Paradigmas statt des bisherigen nationalen Paradigmas“ (S. 176). Die Erfrischung oder die Etabilierung einer pro-europäischen Mentalität gehört zur Änderung des kulturellen Paradigmas nach der Revolution vom 1989, deren Zusammenstellung eine aktive Anteilnahme, nicht nur eine unentschlossene, zweideutige Zuneigung verlangt. Der rumänische Philosoph drückt synthtetisch vom Anfang an diese Idee : „Wir alle (haben) Grund anzunehmen, dass wir in Europa, sei es auch mit unterschiedlicher Intensität, den Verlauf eines Paradigmawechsels erleben“ (S.9).

Für diejenigen, die dem rumänischen kulturellen Raum gehören, hat die Zuneigung zum supranationalen Paradigma Europas nicht nur die Bedeutung der Wiedergewinnung einer historischen Verspätung , die während eines halben Jahrhunderts das rumänische kulturelle Leben paralysiert, das eher einer vitalen Notwendigkeit gehörte. „Für Osteuropa ist heute die Aneignung des europäischen Paradigmas eine Bedingung kultureller Relevanz und, vielleicht noch dringender eine Überlebensbedingung“ (S. 11). Der Umsturz des sowjetischen Blocks eröffnete neue Möglichkeiten für das ganze Osteuropa ; die Chance und die Verantwortung der aktuellen Generation besteht in der Verwaltung dieser Virtualitäten. 1989 war ein Scheidepunkt der europäischen Geschichte. „Die politische Organisationsform des realen Sozialismus und ihre politische Legitimationsbasis, der Marxismus leninistischer Prägung galten von nun an als vollständig diskreditiert“ (S. 264). Darüber hinaus eröffnet das Jahr 1989 in einer dramatischen Form eine wahre kulturelle Wende, die die Denkweise der historischen Subjekte ändert. Mircea Eliade umschreibend, stellt das Wendejahr ein überraschender Austritt aus einem Mittelalter (sozialen, kulturellen und politischen), dessen Engheit uns Jahrhunderte lang herrschen konnte. „Wir befinden uns heute in Europa am Ende eines hystorischem Zyklus, jenem der Organisierung des Zusammenlebens der Menschen nach dem Prinzip der monadischen Nationalstaaten, und am Anfang eines neuen Zyklus, jenem des größeren Einheiten“ (S. 238).

Europa definierte sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts (bis Amerika aus ihrem berühmten Isolationismus herauskam) im Vergleich zu Asien, der andere große Schöpfer von Kultur, Zivilisation und Philosophie. „Die europäische Kultur [hat sich] von (den asiatischen Kulturen in deren Bezug sie sich gebildet hat, gerade durch die Tatsache abgegrenzt, dass sie die geistige Kultur in Verhaltensformen und Institutionen objektiviert hat“ (S. 34). Um diese Idee besser zu überraschen, der Differenzierung zwischen dem kulturellen europäischen und asiatischen Raum, bezieht sich Andrei Marga auf Hegel, der den Kampf der Kulturen schon ab seinem Ursprung überrascht : „Achill, der poetische Jüngling, hat es eröffnet, und Alexander der Große, der wirkliche Jüngling hat es zu Ende geführt. Beide erscheinen im Kampf gegen Asien.“ (S. 36).

Angefangen mit dem vorigen Jahrhundert, der zwei blutige Kriege, aus ökonomischen und politischen Standpunkt verwüstend gezählt hat und der totalitäre Konflikt zwischen National–Sozialismus und Kommunismus, erhält Europa eine Wieder-Bestimmung aus dem amerikanischen Raum, die kostitutiv für ihre neue Identität ist : „ In gewissem Sinne sind Amerika und Europa wie zwei kommunizierende Gefäße verbunden und hängen voneinander ab in ihrem Leistungswettlauf“ (S.212). Die Differenz zwischen den beiden Kulturen beruht auf den Unterschied zwischen kontemplativer Intuition und intstitutionellem Praktikum, die effektiv diese führende Intuition durchführt. „Die Wurzeln der amerikanischen Kultur sind in Europa […] Was in Europa eine Idee war, ein aufgeklärter Idealismus oder eine pragmatische Aufklärung, konnte in Amerika Lebensformen annehmen und wurde zu einem institutionellen System“ (S.215).

Die Originalität und Echtheit der europäischen Kultur besteht in der Schaffung einiger wichtigen Konzepte, die mental, soziologisch, politisch und juristisch gehandelt haben., sie wurden mit Erfolg in anderen kulturellen Räumen exportiert. „Die europäische Kultur hat die Folgen mancher bedeutender Wahlen, die in einigen Kernkonzepten enthalten sind, ins Spiel geworfen und diese entwickelt : die Wahrhaeit, die Erkenntnis, die Rationalität, die Autonomie, die öffentliche Sphäre, das menschliche Wesen…“ (S. 55). Das Schlüsselkonzept, der wirklich die europäische Lebensweise ausdrückt, die Reihenfolge der wichtigen Konzepte anerkennend, ist das Konzept der Freiheit für Hegel und Richard Coudenhove-Kalergi geeignet. „ Mit einer umfassenden Vision hinsichtlich der Weltgeschichte verband Hegel Europa mit dem Bewusstsein der in seinem Inneren aufgetauchten Freiheit – eine Freiheit, die sich in Wille und Handlung objektiviert“ (S. 36). Der Initiator der pan-europäischen Bewegung stellt fest : „ Das Christentum gab Europa Tiefe, das Griechentum Form, das Germanentum Kraft. Aber alle diese drei Dimensionen und Elemente begegnen einander in einem Punkt der europäischen Seele : der Freiheit (S. 40).

Andrei Marga bemerkt, dass die Europäer die globale Kultur auf mehreren Pläne beeinflussten, aber keiner ist sichtbarer und pregnanter als die wissenschaftliche Methodologie. Indem er Wolfgang Wild zitiert, zeigt der rumänische Philosoph, dass der Einfluss der wissenschaftlichen europäischen Theorien total und radikal, im Vergleich mit dem Rest der exportierten Ideen wurde. „ Hier haben die aus Europa exportierten Theorien, Versuchsmethoden und Produktionstechniken eine unumschränkte Weltherrschaft erlangt und lokale Traditionen restlos verdrängt“ (S. 47). In folgedessen ist die Methodologie der wissenschaftlichen europäischen Forschung eine seiner dauerhafteren Erbe. „Die europäische Kultur hat zum ersten Mal eine Wissenschaft als faktische Erkenntnis hervorgebracht, die auf das Ausdrücken der effizienten Ursache mit Gesetzcharakter orientiert war. Diese Ursachen waren mathematisch ausdrückbar. Die Wissenschaft war in dem Dienst des Lösens von technischen Problemen, der Kontrolle und Metamorphose der Dinge gestellt“ (S. 284-285).

Um das europäische Paradigma zu nuancieren und in die Tiefen zu dringen, stellt der rumänische Philosoph den kulturellen Umriss Europas wieder her, indem er durch den Nihilismus Nietzsches, husserlische und heideggerische Phenomenologie geht und die habermasiane Diagnose deutet. Wir werden nur die ersten zwei Denker erwähnen. Nietzsche, einer der ersten Philosophen, die die Identitätskrise der Europaschaft bemerkten , glaubte trotzdem an einer Natureinheit, die Europa durch Sonderbarkeiten auszeichnet. „Interessanterweise behandelt Nietzsche die europäische Krise aber aus der Perspektive der Wiederentdeckung der kulturellen Einheit des Erdteils. Europa ist Eins schreibt der Visionär Nietzsche […] aber die Einheit erfährt wenigstens in der modernen Epoche wiedersprüchliche Konvulsionen und Ausdrucksformen“ (S. 75). Im Gegenteil bemerkt Husserl die Krise der Rationalität, die zu einer radikalen Änderung der Art und Weise Europäer zu sein, führt. „Ich glaube, dass Husserl Recht hatte, als er in der europäischen Krise im Grunde genommen eine Krise des Verstehens der Vernunft sah. Diese wird nicht mehr als Wegweiser des menschlichen Verhaltens, der imstande ist, dem Leben Sinn zu verleihen , aufgefasst, sondern wird auf ein einfaches Instrument zur Lösung von Überlebensfragen, eventuell von Herrschaftsfragen, reduziert“ (S. 107).

Zum Schluss, möchten wir auf der Opportunität beharren, die von den Ereignissen vom 1989 eröffnet wurden, die imstande sind das nationale Paradigma zu ändern, von den passeistischen Reflexen verengt und die durch die Einschließung der Länder aus dem gewesenen kommunistischen Block in die erweiterten Europa , ändert den kulturellen europäischen Umriss, indem es dem Erdteil eine zunehmende Identität verleiht. Professor Marga bemerkt : „Die Wiederentdeckung der Identität ist die konkrete Möglichkeit, die sich in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit und mit noch einem Schritt nach 1989 dadurch eröffnete, dass sich die europäischen Nationen auf eine neue Art und Weise zueiander bezogen , dass die Mechanismen zum Ausgang aus dem Nationalismus entdeckt wurden und, dass die Streitigkeiten auf Grund des gegenseitigen Verständnisses geregelt werden können. Dies ist die konkrete Möglichkeit der europäischenWiedergeburt“ (S 125).

Der Philosoph aus Cluj hat ein ehrgeiziges Opus komponiert, in dem er für eine Denkweise und eine Art Europäer zu sein, kämpft, greift den Wiederaufbau des Erdteils aus der Perspektive der Einschließung der Standpunkte, die für Osteuropa Länder spezifisch sind, vor, die während eines fast halben Jahrhunderts „den Geschichteschlaf“ kannten. Indem es uns erinnert, dass Heidegger die Zukunft als die wichtigste Ekstase ansieht, die Konsistenz gibt und Richtung lenkt, ist das Buch von Marga ein „Vorlaufen“ der Schritte, die unternehmen werden müssen für konsensuelle europäische Vereinigung, die die kulturelle Erbe jedes einzelnen Staates in Betracht nimmt. In folgedessen betrachte ich die Arbeit des Philosophen aus Cluj als aktuell auch in 10 Jahren, wenn das supranationale Paradigma Wurzeln schlägt und das Bewusstsein der individuellen Europaschaft viel kräftiger wird.

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